Spitalkeime und Waschung vor Operationen an Hüfte und Knie
Die Sorge vor „Spitalkeimen“ gehört zu den häufigsten Fragen vor einer Hüft- oder Knieprothese. Viele Patientinnen und Patienten möchten wissen, wie groß das Infektionsrisiko wirklich ist, ob eine besondere Waschung nötig ist und was sie selbst tun können. Die beruhigende Nachricht lautet: Eine tiefe Infektion ist eine ernste, aber seltene Komplikation. Vor und während der Operation greifen mehrere Schutzmaßnahmen ineinander.
Das Wichtigste in Kürze:
- „Spitalkeim“ ist ein umgangssprachlicher Sammelbegriff. Nicht jeder Keim ist resistent, und eine Besiedlung ist noch keine Infektion.
- Duschen oder Baden vor der Operation senkt die Zahl der Keime auf der Haut. Es macht die Haut nicht steril und ersetzt keine weiteren Schutzmaßnahmen.
- Normale oder antimikrobielle Seife sind laut WHO grundsätzlich möglich. Wenn das Krankenhaus ein bestimmtes Produkt vorgibt, gilt genau diese Anweisung.
- Das Operationsgebiet sollte zu Hause nicht rasiert werden. Falls Haare entfernt werden müssen, übernimmt dies das Behandlungsteam mit einem geeigneten Haarschneider.
- Fieber, neue Infekte, entzündete Hautstellen und eine bekannte MRSA-Besiedlung sollten vor der Operation gemeldet werden. Das führt nicht automatisch zu einer Absage.
Priv.-Doz. DDr. Maximilian Kasparek, MSc ist auf Hüft- und Knieendoprothetik spezialisiert. Im Aufklärungsgespräch ordnet er das persönliche Risiko ein und erklärt, welche Vorbereitung für den geplanten Eingriff sinnvoll ist.
„Die wichtigste Nachricht ist: Eine Infektion nach einer Hüft- oder Knieprothese ist selten. Wir nehmen das Thema trotzdem sehr ernst, weil mehrere gut abgestimmte Maßnahmen das Risiko weiter senken können.“ – Dr. Maximilian Kasparek
Was der Begriff Spitalkeim bedeutet
Der Ausdruck „Spitalkeim“ bezeichnet keinen einzelnen Erreger. Gemeint sind meist Bakterien, die im Zusammenhang mit einer medizinischen Behandlung eine Infektion auslösen können. Dazu gehören auch Keime, die viele Menschen bereits auf der Haut oder in der Nase tragen, ohne krank zu sein. Häufig genannt wird Staphylococcus aureus. Ist dieser Keim gegen bestimmte Antibiotika resistent, spricht man unter anderem von MRSA.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Besiedlung und Infektion. Bei einer Besiedlung ist ein Keim nachweisbar, verursacht aber keine Beschwerden. Eine Infektion liegt erst vor, wenn Keime in Gewebe eindringen und eine Entzündungsreaktion oder Erkrankung auslösen. Ein positiver Abstrich bedeutet daher nicht automatisch, dass jemand krank ist oder nicht operiert werden kann.
Auch „resistent“ und „besonders aggressiv“ sind nicht dasselbe. Resistenz bedeutet, dass bestimmte Antibiotika nicht ausreichend wirken. Das kann die Behandlung erschweren, sagt aber allein noch nichts darüber aus, ob eine Infektion entsteht.
Wie hoch das Infektionsrisiko nach Gelenkersatz ist
Eine periprothetische Gelenkinfektion betrifft die Region um ein künstliches Gelenk. Sie kommt nach einer primären Hüft- oder Knieprothese nur bei einem kleinen Teil der Operierten vor. Das konkrete Risiko hängt unter anderem vom allgemeinen Gesundheitszustand, von Begleiterkrankungen, der Hautsituation, dem Eingriff und davon ab, wie eine Studie eine Infektion erfasst.
Eine australische Datenverknüpfungsstudie zu primären Gelenkprothesen bei Arthrose wertete Register- und Krankenhausdaten aus den Jahren 2002 bis 2017 aus. Innerhalb von 90 Tagen lag die mittlere Rate einer über den Diagnosecode erfassten periprothetischen Gelenkinfektion bei 1,1 Prozent nach Hüftprothese und 1,3 Prozent nach Knieprothese. Diese Werte sind eine Orientierung für große Patientengruppen und keine persönliche Vorhersage.
STUDIEN KURZINFO
Infektionen nach Gelenkersatz sind selten.
Mittlere 90 Tage Rate einer periprothetischen Gelenkinfektion.
Hüftprothese
Primärer Gelenkersatz bei Arthrose
1,1%
innerhalb 90 Tagen
Knieprothese
Primärer Gelenkersatz bei Arthrose
1,3%
innerhalb 90 Tagen
Einordnung
Die Studie verknüpfte australische Register und Krankenhausdaten aus 2002 bis 2017. Das persönliche Risiko kann je nach Gesundheit, Eingriff und Erfassungsmethode abweichen.
Quelle: Jin et al., Bone Joint | 2022;104‑B: 1060–1066 • DOI 10.1302/0301–620X.104B9.B||-2022–0116.R1
Anders ausgedrückt: Bei der großen Mehrheit trat innerhalb dieses Zeitraums keine so erfasste Infektion auf. Weil eine Gelenkinfektion dennoch schwerwiegend sein kann, wird das Risiko nicht durch eine einzelne Maßnahme, sondern durch ein ganzes Sicherheitskonzept reduziert.
Warum die Waschung vor der Operation sinnvoll ist
Auf gesunder Haut leben natürlicherweise viele Bakterien. Eine Dusche oder ein Bad vor der Operation entfernt Schmutz und vorübergehend vorhandene Keime und verringert die bakterielle Belastung der Haut. Die WHO empfiehlt deshalb, vor einer Operation zu duschen oder zu baden. Als Zeitpunkt nennt sie den Operationstag oder den Tag beziehungsweise Abend davor.
Die Waschung macht die Haut nicht keimfrei. Sie ist ein vorbereitender Baustein. Weitere wichtige Maßnahmen erfolgen im Krankenhaus, darunter die Kontrolle der Haut, die antiseptische Vorbereitung des Operationsgebietes, die Antibiotikaprophylaxe zum richtigen Zeitpunkt und ein steriles Vorgehen im Operationssaal.
„Die Waschung vor der Operation ist sinnvoll, weil sie die Keimzahl auf der Haut verringert. Sie ist aber nur ein Teil des Schutzkonzepts und kann das Risiko nicht allein auf null setzen.“ – Dr. Maximilian Kasparek
Normale Seife oder antiseptische Waschung
Für die allgemeine präoperative Körperwaschung lässt die WHO sowohl normale als auch antimikrobielle Seife zu. In den ausgewerteten Studien zeigte chlorhexidinhaltige Seife gegenüber normaler Seife keinen zusätzlichen Vorteil bei der Rate von Wundinfektionen. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein vom Krankenhaus verordnetes antiseptisches Produkt weggelassen werden sollte.
Einzelne Häuser verwenden für Gelenkoperationen festgelegte Wasch- oder Dekolonisationsprogramme. Bei einer bekannten Besiedlung mit Staphylococcus aureus oder MRSA kann zusätzlich eine gezielte Behandlung sinnvoll sein, zum Beispiel mit einer verordneten Nasensalbe und einer antiseptischen Körperwaschung. Ob ein Abstrich oder eine solche Dekolonisation nötig ist, entscheidet das Behandlungsteam nach dem jeweiligen Protokoll und dem individuellen Risiko.
Die sichere Regel lautet daher: Verwenden Sie genau das Produkt, die Häufigkeit und den Zeitpunkt, die Ihnen das Krankenhaus vorgibt. Setzen Sie keine konzentrierten Desinfektionsmittel ein und kombinieren Sie Produkte nicht auf eigene Faust. Bei Hautreizungen, Allergien oder Unklarheiten fragen Sie vor der Anwendung nach.
So bereiten Sie die Haut richtig vor
- Duschen oder baden Sie zum angegebenen Zeitpunkt und waschen Sie den ganzen Körper sorgfältig.
- Verwenden Sie die empfohlene Seife oder das verordnete Waschprodukt genau nach Anleitung.
- Sparen Sie Augen, Ohren, Schleimhäute und andere empfindliche Bereiche aus, sofern die Produktanleitung nichts anderes festlegt.
- Trocknen Sie sich mit einem sauberen Handtuch ab und ziehen Sie saubere Kleidung an.
- Tragen Sie danach auf dem vorgesehenen Operationsgebiet keine Crème, Lotion oder Körperöle auf, wenn dies in Ihren Unterlagen so angegeben ist.
- Rasieren oder epilieren Sie das Operationsgebiet nicht selbst. Kleine Hautverletzungen sind vermeidbar.
Falls Ihre persönlichen Unterlagen von dieser allgemeinen Übersicht abweichen, gelten die konkreten Anweisungen Ihres Krankenhauses. Fragen Sie nach, wenn der Ablauf nicht eindeutig beschrieben ist.
Warum Sie das Operationsgebiet nicht selbst rasieren sollten
Eine Rasierklinge kann sehr kleine, oft unsichtbare Verletzungen verursachen. Diese Hautschäden können Keimen den Eintritt erleichtern. WHO und NICE raten deshalb von einer routinemäßigen Haarentfernung ab. Wenn Haare den Eingriff stören könnten, werden sie kurz vor der Operation vom Behandlungsteam mit einem geeigneten Clipper gekürzt.
Was Sie vor der Operation unbedingt melden sollten
Bitte informieren Sie das Operationsteam möglichst früh, wenn kurz vor dem Eingriff eine neue gesundheitliche Veränderung auftritt. Dazu gehören insbesondere:
- Fieber, Schüttelfrost oder ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl,
- eine entzündete Wunde, ein nässendes Ekzem, ein Hautgeschwür oder eine auffällige Hautstelle nahe dem Operationsgebiet,
- eine neue Atemwegsinfektion oder andere deutliche Infektzeichen,
- neue Beschwerden beim Wasserlassen,
- eine bekannte MRSA- oder andere resistente Keimbesiedlung,
- eine aktuelle Antibiotikabehandlung oder eine kürzlich behandelte Infektion.
„„Wenn Sie kurz vor der Operation Fieber, eine entzündete Hautstelle oder einen neuen Infekt bemerken, melden Sie sich bitte. Das bedeutet nicht automatisch, dass der Eingriff abgesagt wird. Wir prüfen, welche Lösung medizinisch sicher ist.“ – Dr. Maximilian Kasparek
Was bei einer bekannten MRSA Besiedlung geschieht
Eine bekannte MRSA-Besiedlung sollte bereits bei der Operationsplanung angegeben werden. Das Team kann dann rechtzeitig entscheiden, ob ein erneuter Abstrich, eine Dekolonisation oder besondere Hygienemaßnahmen erforderlich sind. Eine Besiedlung ist keine akute Infektion und führt nicht automatisch zur Absage. Entscheidend sind der aktuelle Befund und das Protokoll des behandelnden Krankenhauses.
Nehmen Sie vorsorglich keine Antibiotika ein. Antibiotika verhindern eine Infektion nur dann zuverlässig, wenn Wirkstoff, Dosis und Zeitpunkt zur Operation und zur persönlichen Situation passen. Die perioperative Antibiotikaprophylaxe wird deshalb vom Behandlungsteam geplant.
Welche Schutzmaßnahmen im Krankenhaus hinzukommen
Die Vorbereitung zu Hause ist wichtig, aber sie trägt das Sicherheitskonzept nicht allein. Im Krankenhaus kommen mehrere standardisierte Maßnahmen hinzu:
- Kontrolle der Haut und Abklärung auffälliger Befunde vor dem Eingriff,
- Antibiotikaprophylaxe so, dass zum Operationsbeginn eine wirksame Konzentration vorliegt,
- professionelle antiseptische Vorbereitung der Haut im Operationssaal,
- sterile Instrumente, sterile Abdeckung und festgelegte Abläufe des Operationsteams,
- geeignete Blutzucker- und Temperaturkontrolle sowie sorgfältige Wundversorgung.
Kein einzelner Schritt bietet einen vollständigen Schutz. Die niedrigen Infektionsraten moderner Gelenkoperationen beruhen auf dem Zusammenspiel dieser Maßnahmen.
Was Sie selbst beeinflussen können
Nicht jeder Risikofaktor lässt sich verändern. Einige Punkte können jedoch vor einer geplanten Operation gemeinsam optimiert werden. Dazu zählen eine möglichst stabile Blutzuckereinstellung bei Diabetes, Rauchstopp, die Behandlung offener Hautstellen und eine vollständige Angabe aller Medikamente und Vorerkrankungen. Radikale Diäten oder kurzfristige Selbstbehandlungen unmittelbar vor dem Eingriff sind nicht sinnvoll. Besprechen Sie realistische Maßnahmen frühzeitig mit dem behandelnden Team.
Persönliche Operationsberatung in Wien
Wie hoch Ihr persönliches Risiko ist, hängt vom Eingriff und Ihrer Gesundheit ab. In einer OP-Beratung können Sie Befunde, Vorbereitung und offene Fragen in Ruhe besprechen. Informationen finden Sie zu Hüftarthrose sowie zu Kniearthrose. Je nach Befund kommen unterschiedliche Verfahren infrage, etwa die minimalinvasive Hüftprothese oder eine Knieprothese mit Operationsroboter. Die Auswahl erfolgt individuell.
Häufige Fragen zu Spitalkeimen und Waschung vor der Operation
Wie groß ist das Infektionsrisiko nach einer Hüft- oder Knieprothese?
Das Risiko ist niedrig, aber nicht null. Große Studien und Fachgesellschaften nennen für primäre Hüft- und Knieprothesen meist einen niedrigen einstelligen Prozentbereich. Das persönliche Risiko hängt von Gesundheit, Eingriff, Beobachtungszeit und Definition der Infektion ab.
Ist jeder Spitalkeim multiresistent?
Nein. „Spitalkeim“ ist ein umgangssprachlicher Sammelbegriff. Viele Wundinfektionen werden durch Bakterien verursacht, die auf der eigenen Haut oder in der Nase vorkommen. Nur ein Teil davon ist gegen mehrere Antibiotika resistent.
Ist eine MRSA-Besiedlung bereits eine Infektion?
Nein. Bei einer Besiedlung ist MRSA nachweisbar, verursacht aber keine Erkrankung. Trotzdem muss das Operationsteam informiert werden, weil eine gezielte Dekolonisation oder zusätzliche Hygienemaßnahmen sinnvoll sein können.
Brauche ich vor jeder Hüft- oder Knieoperation einen MRSA-Abstrich?
Nicht automatisch. Screeningprogramme unterscheiden sich nach Krankenhaus und Risikoprofil. Ob ein Abstrich sinnvoll ist, entscheidet das behandelnde Team.
Reicht normales Duschen vor der Operation?
WHO-Leitlinien erlauben für die allgemeine Körperwaschung normale oder antimikrobielle Seife. Wenn Ihr Krankenhaus ein bestimmtes antiseptisches Produkt vorgeschrieben hat, befolgen Sie genau diese Anweisung.
Wann soll ich vor der Operation duschen?
Die WHO nennt den Operationstag oder den Tag beziehungsweise Abend davor. Maßgeblich ist der konkrete Zeitplan in Ihren Operationsunterlagen.
Verhindert eine antiseptische Waschung jede Infektion?
Nein. Sie verringert die Keimzahl auf der Haut, macht die Haut aber nicht steril. Schutz entsteht durch mehrere Maßnahmen vor, während und nach der Operation.
Soll ich Bein oder Leiste vor der Operation rasieren?
Nein. Rasieren Sie das Operationsgebiet nicht selbst. Wenn eine Haarentfernung nötig ist, erfolgt sie kurz vor der Operation durch das Behandlungsteam mit einem geeigneten Clipper.
Was mache ich bei einem Pickel oder einer kleinen Wunde nahe dem Operationsgebiet?
Melden Sie die Hautveränderung vor dem Eingriff. Bitte nicht ausdrücken, aufkratzen oder selbst mit Antibiotika behandeln. Das Team entscheidet, ob eine Kontrolle oder Behandlung erforderlich ist.
Wird die Operation bei einem Infekt immer verschoben?
Nein. Die Entscheidung hängt von Art, Schwere und Ort des Infekts sowie von der Dringlichkeit des Eingriffs ab. Melden Sie Beschwerden frühzeitig, damit sicher entschieden werden kann.
Kann ich vorsorglich Antibiotika einnehmen?
Nein. Nehmen Sie Antibiotika nur nach ärztlicher Verordnung ein. Für die Prophylaxe rund um die Operation sind Wirkstoff, Dosis und Zeitpunkt genau festgelegt.
Welche Warnzeichen soll ich nach der Operation beachten?
Zunehmende Rötung oder Schwellung, anhaltende Wundsekretion, deutlich zunehmende Schmerzen, Schüttelfrost oder starkes Krankheitsgefühl sollten zeitnah ärztlich abgeklärt werden. Die konkreten Entlassungsunterlagen enthalten die für Sie maßgeblichen Kontaktwege.
Wo kann ich meine persönliche Vorbereitung besprechen?
Priv.-Doz. DDr. Maximilian Kasparek, MSc bietet in Wien eine persönliche OP-Beratung und Zweitmeinung zu Hüft- und Knieprothesen an. Der Termin kann direkt online gebucht werden.
Medizinischer Hinweis
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche Untersuchung oder die konkreten Anweisungen des behandelnden Krankenhauses. Bei akuten Beschwerden, Fieber oder einer auffälligen Wunde wenden Sie sich an Ihr Behandlungsteam.
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